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"Die Kirche hat Deutschland zwangschristianisiert!"

Bereits an anderer Stelle bin ich in die Glaubenswelt des Paganismus eingetaucht. Vor einigen Wochen war ich nun auf der Buchmesse in Leipzig, einen "Bericht" darüber kann man hier hören und hier sehen. Dort traf ich dann auch den paganistischen Autor Voenix - mit dem ich über sein neues Buch, seinen Glauben und Rechtsesoterik sprach.

 

Ich stehe hier mit Voenix – Voenix wird noch nicht all unseren Lesern bekannt sein – ein Autor aus dem paganistischen Bereich, sein aktuelles Buch heißt „Der Gehörnte“.

V: Genau. Eine Hommage an das Wilde im Mann.

 

Ich habe von Roter Drache ein Rezessionsexemplar erhalten. Mir ist aufgefallen, da waren auch sehr viele, sehr bunte Zeichnungen. Sind die satirisch gemeint, denn teilweise sind die Darstellungen ja sehr explizit?

V: Nein, satirisch gar nicht. Ich bin Natur-Realist – vom Malen her – ich habe früher viele Comics gezeichnet, das tue ich jetzt auch noch. Und klar, manchen Menschen – das ist halt Geschmackssache – sind meine Bilder zu bunt, aber das ist nun mal mein Stil.


Worum geht es in dem Buch?

V: Das Buch beschäftigt sich mit mehreren Ebenen, aber die Hauptaussage ist, den Leuten verständlich zu machen, wie es zu dem Bild des Teufels gekommen ist, das uns die Kirche jahrhunderte- bzw. jahrtausendelang  verkauft hat. Dass wir ursprünglich – in unserer ursprünglichen Religion, nämlich dem Heidentum – Schamanen hatten, die in Tiermasken getanzt und ihre Rituale vollzogen haben und die Kirche, als sie an die Macht kam und Deutschland und ganz Europa zwangschristianisiert hat, Stück für Stück „den Gehörnten“ zum „Teufel“ gemacht hat.

 

Ist das denn geschichtlich verbürgt? Ich sage offen: ich habe bei dem Buch ab und an das Gefühl gehabt, dass es stückweit eher  "Lebensberater" ist und mich gefragt, ob es hier um wirklich um geschichtliche Fakten geht oder ob es  Neurekonstruktionen aus dem  20. bzw. 21. Jahrhundert sind.

V: Ich bin natürlich auch ein Kind meiner Zeit und werde davon beeinflusst, aber ich versuche bei meinen Büchern doch immer sehr genau zu recherchieren, was da passiert ist, im Mittelalter und auch davor. Aber ich bin kein Autor, der wissenschaftlich an Dinge herangeht, da unterscheide ich mich klar. Die ganze Aufmachung des Buches lässt das so auch nicht zu. Wie gesagt, ich bin Künstler. Da kommen Bilder, Texte dazu, ich arbeite nicht mit Fußnoten. Also wenn ich Artikel für Fachbücher schreibe, dann kommen Fußnoten dazu, aber in dem Fall nicht. Da war mir das ganz wichtig.

Ich möchte etwas Älteres in den Menschen ansprechen und das heißt für mich, dass ich mit Bildern und Farben und Texten zusammenarbeite, um die rechte und die linke Gehirnhälfte anzusprechen. Durch die Texte selber ist mir das meistens zu abstrakt, ich meine, ich schreibe ja Bücher, die ich selber gerne lesen würde.

  

Du ersetzt ja den christlichen Glauben durch den heidnischen oder paganistischen Glauben. Würdest Du sagen, wir brauchen Glauben generell oder ist eine Gesellschaft vorstelbar, in der wir nicht irrationellen Glaubensmodellen angehören?

V: Das ist eine gute Frage. Ich glaube, das sollte jeder für sich selbst entscheiden. Ich denke, der Glaube ist schon eine wichtige Sache. Ich selbst kann nicht sagen, dass ich spezielle Götter anbeten würde. Meine Glaubensrichtung ist mystischer Natur – das schamanische Weltbild. Ich halte die ganze Welt, besonders die Natur, für beseelt, aber die ganzen Götterbilder, die wir heute haben, sind für mich Manifestationen bzw. Ausstülpungen ein und derselben großen Kraft, wie man die auch immer benennen mag. Wir geben dieser Kraft verschiedene Gewänder, da wir Menschen offensichtlich Bilder brauchen, die wir aus uns selber herausprojezieren können, um sie dann stellvertretend anbeten zu können.

 

Hat diese große Kraft denn überhaupt Relevanz für dein alltägliches Leben?

V: Ja, hat sie.

 

Inwiefern?

V: Ein Beispiel: wenn du etwas erreichen willst und du merkst, dass da immer wieder Widerstände kommen und du merkst "das will nicht." Für mich hat das was mit Kraft zu tun. Entweder etwas will oder es will nicht. Die Kraft kann mich prüfen und mir Kraft verleihen und mir aber auch zeigen, dass das nicht so sein soll. Also versuche ich für mich persönlich einen Weg zu finden, um mit der Kraft zu fließen.


Ich denke gerade an Unfälle und Krankheiten, da kann man ja schlecht sagen, dass man da dann nicht mit der Kraft geschwommen ist.

V: Das kann man so auch nicht sagen, denn du weißt nie, ob dein Unbewusstes den Unfall oder die Krankheit angezogen hat, damit du jetzt genau diese Erfahrung machen kannst, die du ohne diese Krankheit – ohne diesen Unfall – nicht machen würdest. Viele Menschen in unserer Gesellschaft, gerade Workaholics, die kommen ja nie zur Ruhe, da schreit die Seele förmlich nach einer Krankheit oder einem Unfall, damit sie sich ausklinken kann und sich erlauben kann, zu anderen Gedanken zu kommen oder andere Impulse zu bekommen.

 

Wenn Du sagst Seele, glaubst Du an eine den Tod überdauernde Seele?

V: Ja.


Und an Seelenwanderung oder was passiert nach dem Tod?

V: Gute Frage, das kann ich nicht beantworten. Ich glaube, was sterben muss, ist das Ego.

 

Das Ego geht dann auf in einer Gesamtheit?

V: Das glaube ich schon, für die Schamanen ist das reine Kraft, reine Energie. Aber ich glaube, dass das, was wir an Erfahrungen im Leben sammeln, vor allem Dinge, die uns emotional sehr berühren, dass wir das auf jeden Fall mitnehmen.

 

Es gibt aber immer wieder die Diskussion über Versuche der Rechtsesoterik, den Paganismus zu vereinnahmen. Ist das  ein aktuelles Problem oder ist das eine Sache, die de facto keine Rolle spielt, aber von den Medien hochgepusht wird?

V: Beides. Ich muss sagen, ich habe bisher mehr Probleme gehabt mit Medien, die versucht haben, mich in eine rechte Ecke zu stellen als mit irgendwelchen Rechten, die versucht haben, mich zu vereinnahmen. Das ist mir noch nie passiert, muss ich ganz ehrlich sagen. Wenn Leute aus der rechten Ecke kommen und meine Bücher lesen, dann kann ihnen das eigentlich nicht schaden. Wer meine Bücher aus der rechten Ecke lesen will, der ist willkommen. Ich glaube dass das denen als Weiterbildung zu einem vernünftigen Weltbild dienen kann.

 

Sind dir denn Fälle gekannt, wo Rechtsesoteriker versucht haben, Paganismus für sich auszunutzen oder Foren benutzen, die eigentlich nicht ihre sind?

V: Mir persönlich nicht, muss ich ganz ehrlich sagen. Vielleicht bin ich da irgendwie geschützt von der Kraft bisher. Das klingt vielleicht naiv, aber ich habe gemerkt, wenn man zu viel Aufmerksamkeit auf etwas gibt, dann ist das nicht gut – wie in einem Energiespiel – da wo wir unsere Aufmerksamkeit hin richten, das ziehen wir dann auch wieder an.

Ich sage nicht, man sollte das alles ignorieren, aber eben nicht zu viel Aufmerksamkeit darauf geben, denn sonst resoniere ich schon wieder mit etwas, mit dem ich eigentlich gar nichts zu tun haben will. Das ging mir mit meinem ersten Runenbuch so, das 1995 oder 1996 rauskam, dass mir der Verlag nahegelegt hat, ich solle doch bitte ein Vorwort verfassen, in dem ich mich davon distanziere. Ich wusste gar nicht, was die von mir wollen. Ich wollte das Buch „Runen raunen rechten Rat“ nennen. Ich kam gar nicht auf die Idee, dass das Wort rechts politisch aufgefasst werden könnte. Das fand ich eigentlich sehr schade.

  
Wenn Du sagst 1995, dann ist das ja auch schon 18 Jahre her. Wie lange bist Du denn schon in deinem paganistischen Glauben verortet und wie kam das? Hattest Du ein zentrales Erlebnis oder war das ein kontinuierlicher Prozess?

V: Ich bin Künstler und es so fing an, dass ich so etwa mit 20 – ich habe schon immer mythologische Themen gemalt, wusste darüber aber nichts – mit jemandem zusammen, der von Esoterik sehr viel Ahnung hatte und der meinte, ich hätte ein mythisches Bewusstsein. Ich wusste gar nicht, was der meinte. Ich hatte mich von klein auf schon immer mit Sagengestalten und Helden und so etwas beschäftigt und dann sagte er zu mir: „Mal doch einfach mal Odin.“ Dann habe ich den gemalt, ein bisschen so wie Rübezahl, der über das Gebirge wandert. Als das Bild fertig war, schaute er sich das an am nächsten Tag und fragte mich, warum ich denn den Hut von Odin so gemalt hätte, dass er ihm ins Gesicht reinhängt. Er hatte mir nicht gesagt, dass er nur ein Auge hat und deswegen den Hut immer ins Gesicht zieht, ich habe das unbewusst gemalt, ich wusste nicht, wer das ist, aber ich habe das so gezeichnet. Und dann wurde ich natürlich selber neugierig.

Dann gab es damals den ersten „Herr der Ringe“, der als Zeichentrick in die Kinos kam – Anfang der 1980er – da wurde ich mit einem Satz in die nordische Kosmologie geschossen und wusste gar nicht, was da über mir reinbricht. Das war ganz spannend, denn ich habe in der Schule nichts über die Germanen und unsere Geschichte gelernt, das waren nur die Griechen, die Römer, aber unsere eigene Mythologie ist tabuisiert gewesen und ich denke, daran hat sich bis heute nicht viel verändert.


Du bist ja ein sehr großer Mann, ein sehr muskulöser Mann, der hier mit freiem Oberkörper vor mir steht, einen Torques trägt. Wie reagiert dein Umfeld auf deinen Glauben, zumal Du ja wirklich eine sehr imposante Erscheinung bist?

V: Also ich gehe mit meinem Glauben ja nicht irgendwie hausieren. Ich bin in erster Linie ein Künstler, versuche auch – mehr schlecht als recht – davon zu leben, wobei ich mir dabei wahrscheinlich das falsche Themengebiet ausgesucht habe, weil die Heidenszene nicht wirklich reich ist. Es geht um Natur, um Religion, nicht um wirtschaftlichen Erfolg, da sind andere Dinge wichtig.

Ich mache seit 27 Jahren Bodybuilding, aber das eine hat mit dem anderen nichts zu tun bzw. hatte ursprünglich mit meinem Glauben gar nichts zu tun, aber mir war immer schon das Körperbewusstsein wichtig, also ich bin als Künstler ein Ästhet, kann man sagen. Da wo ich mich aufhalte, wo die Leute mich kennen, reagieren sie normal auf mich und meinen Glauben. Ich meine, so wie ich jetzt hier rumlaufe, das ist jetzt ein bisschen extrem, als Blickfang für die Messe hier. Hätte ich für jeden Foto einen Euro bekommen, wäre ich heute ein reicher Mann geworden. Aber das läuft hier anscheinend so, du musst irgendwie auffallen. Und was ich anhabe ist eben mein Ritualgewand, normalerweise laufe ich ja so nicht rum.


Was sollten unsere Hörer noch über das Heidentum wissen?

V: Ich sage mal, es gibt sehr viele Dinge in unserer Gesellschaft, die am kranken sind und aus dem Ruder gehen. Erinnert euch eurer Wurzeln, geht wieder mehr raus in die Natur, heiligt die Natur, heilt die Natur und dann heilt ihr auch wieder mehr euch selbst.


Vielen Dank für das Interview.

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