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"Nie wieder Faschismus!"

Diesmal: was GANZ anderes. Aus der Konserve. Und es ist auch schon in 'nem Podcast gelaufen.
Was? Wie? Hääää? Ja, es ist so: ich schreibe - an und an - auch Fiktionales.

Und werde einfach mal probieren, wie ihr das findet. Ist keine High-Class-Literatur, sondern einfach was, was mir Spaß macht. Und euch vielleicht auch? Wenn nicht, seid nicht zu hart zu mir ;) ok ok, viel Spaß jetzt.

 

"Nie wieder Faschismus!"

„Nie wieder Faschismus!“ rufe ich aus dem Wohnzimmer in die Küche. Schon beim Rufen ahne ich, dass ich damit nicht durchkommen werde. Meine Frau reagiert – erstmal gar nicht. Ich lege nach: „Ich unterstütze nicht die Sünden eurer Väter!“ So, jetzt bin ich Pole, nicht Schlesier oder Deutscher. Zu irgendwas sollte meine Multi-Kulti-80er-Jahre-Identität doch gut sein. Immer noch keine Reaktion. Dann, gelangweilt, aus der Küche: „Mein Vater ist Jahrgang '53 und ja – ich tu dir den Gefallen – wie kommst Du jetzt darauf?“ „Ich werde nicht den Schlächter von Lyon unterstützen, den ehemaligen SS-Hauptsturmführer, den verurteilten Kriegsverbrecher, indem ich eine nach ihm benannte Puppe kaufe, und erst recht nicht um 19.33“ Das gerade erst halb Acht ist und meine geniale Anspielung auf Klaus Barbie wohl verpuffen wird, will ich nicht zur Kenntnis nehmen. „Los jetzt, es ist dein Patenkind!“ Klasse, das ist jetzt das finale Gegenargument?

Und bevor ich genau weiß, wie ich das finden soll, stehe ich vor dem Haus, Jute-Beutel voller Plastik-Pfandflaschen, MP3-Player auf den Ohren. Den setze ich immer auf, wenn ich zum Penny gehe. Mache ihn aber oft nicht an. Die Musik darauf ist einfach zu schlecht. Aber immer noch besser als im Penny angesprochen zu werden. Vermute ich. Denn seit Anfang des Milleniums habe ich den Kopfhörertrick in Anwendung. Vielleicht tue ich damit aber auch den Menschen im Penny Unrecht. Vielleicht hat sich das ja geändert. Vielleicht finden am Plastik-Pfandflaschen-Automaten tiefschürfende Konversationen über den demografischen Wandel und die daraus resultierenden notwendigen Anpassungen der Rentenformel unter Einbeziehung der veränderten Inflationsquoten im Euroraum statt. Vielleicht wird beim Auslösen der Einkaufwagen gegen jene legändere Möllemannchips eine holistische Würdigung der verschiedenen Energiearten unter genauerer Betrachtung der Notwendigkeiten aufgrund des Klimawandels diskutiert.

„Is' dat Scheissding wieda kaputt?“ Ein leicht Hansa-Pils geprägter Redeschwall erinnert mich daran, die Flaschen zügig und mit dem Boden voran in die Apparate einzulegen. Vielleicht haben sich die Gespräche aber doch nicht allzu sehr verändert. Ich zeige auf die Köpfhörer. Und lächel. Meine Form des Kommunikationsabbruchs. Zeitlos und kulturübergreifend. Ziehe den Bon. Ab in den Laden. Barbie kaufen. Um mein Patenkind schon früh an das Ideal der blonden, großen, üppigen Frau mit Wespentaillie zu gewöhnen. Psychische Störungen sollten früh getriggert werden. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht.

Viel mehr brauche ich nicht. Ausser Avocados, die sind zwar noch viel zu hart und bald viel zu weich, aber im Angebot. Und Brötchen, Brötchen sind immer richtig. Für meine Frau. Ich selbst mag eigentlich kein Brot. Auch so eine Sache, die man in Mitteleuropa nicht einfach so äußern darf. Denn Brot ist die Grundlage von zwei der drei zugelassenen klassischen Mahlzeiten. Noch schlimmer: ich mache mir aus diesen Mahlzeiten komplett nichts. Snacke lieber über den ganzen Tag verteilt. Und abends. Und nachts. Das vor allem. Und dann alles durcheinander. Chips, Obst, Gemüse, Schokolade. Wäre ich doch wenigstens schwanger oder bekifft. Dann hätte ich eine sozial anerkannte Begründung meines Handelns, die zudem identitätsstfitend wäre, entweder konservativ oder progressiv oder – in Verbindung beider Ursachen – Britney-Spears-Level.

Als ich an der Kasse stehe, stelle ich zu meiner Überraschung fest, wer da als neue Aushilfe sitzt. Ein wenig langsam die Waren über das Band ziehend, streicht sich dort Günter Grass durch seinen Schnurrbart. „Tjaja, der wäre gerne wie Wallraff!“ denke ich mir und bin zutiefst froh darüber, die Kopfhörer in den Ohren zu haben. So werde ich wohl einer Debatte über den Staat Israel entgehen. Oder über die Gleichschaltung der deutschen Medien. Grass kennt sich da aus. Oder SS-Günni, wie er von seinen Kollegen hier im Penny wohl liebevoll genannt wird.

Und plötzlich kommt mir eine Idee. Anarcholiberal verzichte ich auf den Warentrennblock, jenen Streitverhinderer, der zur Verhinderung von Verwirrung, Chaos und Lynchmord ebenso unverzichtbar erscheint, wie die Einführung der Sharia in einigen Stadtteilen Essens. Die Plastikpuppe lege ich ein Stückchen hinter meine Avocados, die irgendwie schon schwarze Druckstellen bekommen haben und die Aufbackbrötchen, die mich als zugehörig zum Stand der Vergebenen markieren.

Wie mag SS-Günni sie sehen? Als Kohlenhydratbomben? Als kleine grünen Gemüsehandgranaten? Dann fällt sein dackeltrauriger Blick auf die Barbie. Dann auf mich. Dann zurück auf die Puppe. Die Dissonanz in seinen Gedanken gewinnt die Oberhand. Er versteht meine Anspielung. „Gehört das dazu?“ fragt er. Ist sich der doppeldeutigen politischen Dimension seiner Frage bestimmt gewiss, als seine Stimme ihren flüsternden Weg durch den Schnurrbart findet. „Natürlich gehört das dazu. Schon vergessen?“ gebe ich zurück. Gewonnen. Versenkt. „19,45“ stammelt Grass. Ich gebe 20. Und da verläßt mich auch die politische Attitüde. Die 55 Cent Wechselgeld stecke ich stumm in meine Hosentasche.

„Schönen Abend“ ruft mir Günni hinterher. Ich zeige auf die Kopfhörer. Und lächel. „Nie wieder Faschismus“ murmel ich und schmeisse die Barbie in den nächsten Mülleimer.

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